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oder verpass das Schönste.
Buch, Bücher, am büchsten - hier gibt's viele bunt durchgewürfelte Buchrezessionen und Empfehlungen, weil es eben mehr als nur ein Zeitvertreib ist.

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Sonntag, 4. November 2012

Jonas Jonasson – Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand



Ich hatte das Buch ja schon in den Fingern bevor es endgültig auch in Deutschland große Wellen schlug, nachdem es in Schweden konkurrenzlos Überraschungsbuch des Jahres wurde. Aber ich ließ mir viel Zeit dafür und las erst andere Sachen. Nachdem es von immer mehr Personen empfohlen wurde, packte ich es mir mit hohen Erwartungen also eines Tages in meinen Rucksack und ging dem Hype auf die Spur.

Protagonist ist Allan Karlsson der just 100 Jahre alt wird, zwar schon etwas langsam zu Fuß, aber immer noch hellwach in der Birne ist. Sein Lebensende lässt er im Altersheim ausklingen und hat außer einem ewigen Kampf mit Schwester Alice, welche stets seinen Schnaps beschlagnahmt, nicht viel zu tun. Auf die große Geburtstagsfeier mit Zeitung und Bürgermeister hat er aber keine Lust. Also beschließt er kurzerhand aus dem Fenster im Erdgeschoss zu klettern und zu verschwinden.

Im Reisezentrum mopst er spontan einem jungen, unfreundlichen Mann den Koffer. Er hofft darin wenigstens etwas zum Anziehen zu finden. Immerhin ist er einfach so in Schlappen losmarschiert. Mit dem Koffer im Schlepptau steigt er in einen Bus und lässt sich für 50 schwedische Kronen irgendwohin fahren.

Damit hat er allerdings nicht nur die Presse und die Polizei auf den Fersen, welche sich Sorgen um den Hundertjährigen machen, sondern auch eine kleinkriminelle Bande schwedischer Gangster, denen der Koffer gehört. Darin befinden sich nämlich 50 Millionen Kronen aus Drogengeschäften. Die kann Karlsson aber ebenfalls gut gebrauchen und dies hindert ihn auch nicht daran, munter weiter zu reisen.

Unterwegs gabelt Karlsson noch den Gelegenheitsdieb Julius auf, kauft sich das Auto von Imbissbudenbesitzer Benny samt ihm selbst als Chauffeur bis sie irgendwann auf die „schöne Frau“ mit ihrer entlaufenen Elefantin Sonja stoßen, womit die sympathische Truppe vervollständigt wäre.

Auf der anderen Seite versuchen sowohl Polizei, Presse als auch die "Mafia" verzweifelt den absolut unkoordinierten Fluchtweg von Karlsson samt Gefolge nachzuvollziehen und stellen sich dabei nicht gerade intelligent an.

Parallel dazu wird die Lebensgeschichte von Karlsson von Geburt bis zur Gegenwart erzählt, welche in farbenfrohen Ansichten die ganze Weltgeschichte abreißt. Ob Franco, Truman, Mao oder Stalin. Karlsson kennt alle persönlich und hat für alle möglichen Seiten schon gearbeitet.

Erfrischend ist hierbei seine überraschend unkonventionelle Art und Weise unpolitisch zu sein. Solange die Leute freundlich zu ihm sind und einen guten Schnaps vertragen, sagt Karlsson nicht nein.

Die Geschichte ist gekennzeichnet durch eine herzerwärmende Naivität und Unschuld und dennoch voll mit Zynismus und Humor, der auch locker mal eine sehr schwarze Schlagseite bekommt.

Die Referenz „Forrest Gump“ ist unübersehbar, nur hat "Der Hundertjährige" wesentlich mehr erlebt, mehr Sprachwitz und ist in meinen Augen einen Hauch tiefsinniger durchdacht.


Ich persönlich halte generell ja nicht sonderlich viel von Hypes und dergleichen, aber hier ist er vollkommen berechtigt. Wer etwas Zeit und Lust hat ein gutes, erheiterndes Buch zu lesen, sollte hier wirklich zuschlagen!

Ob absurd vereinfachte Weltkriegsgeschichte, eine lebhafte Diskussion mit Genosse Stalin mit trockenstem Humor, die elegante Beseitigung von Verfolgern und einer schnöden „Es kommt wie es kommt“ – Mentalität. Das Buch ist vielschichtig, ernst, tragisch, überzeichnet, kritisch, naiv und sehr humorvoll. Die Zutaten sind wohl dosiert und ich kann im Endeffekt noch 5x loben, es bleibt dabei. Sehr lustig, sehr gelungen und dringende Leseempfehlung für eine innovative und ganz und gar ungewöhnliche Reise rund um die Welt!

Freitag, 28. September 2012

Minette Walters – Der Nachbar



Ein sehr gutes und spannendes Buch war in meinen Augen „Der Nachbar“ von Minette Walters. Man kann dem Buch vorwerfen, ein etwas zu rundes und pathetisches Ende a là Hollywood zu haben, wobei dies auf keinen Fall im Sinne von Friede, Freude, Eierkuchen verstanden werden darf.
Aber wer sich daran nicht stößt, findet hier eine wunderbare Mischung aus Krimi, Thriller und Drama mit einem unterschwelligen Appell zur Vernunft. Das Thema ist brisant und lässt Gemüter gewöhnlich und nachvollziehbar hoch kochen, zeigt aber wunderbar warum Mäßigung wichtig ist. Sollte wirklich jeder lesen müssen, der sich per se für das Thema Todesstrafe ausspricht.

Und Tote gibt es hier! Gleich zu Beginn wird rückblickend vorgegriffen, als von schrecklichen Ausschreitungen mit 3 Toten und über 180 Verletzten berichtet wird. Eingeleitet durch Polizeiberichte, Aktenzeichen und Funksprüchen werden die Entwicklungen und der Ablauf des Massakers beschrieben.

Schauplatz ist ein kleiner, eingeschlossener Randbezirk einer englischen Stadt, welcher nicht gerade zu den schönsten Ecken gehört und als Problembezirk inklusive typischer, krimineller Elemente gilt. Dennoch hält das Viertel zusammen und als durchsickert, dass ein Pädophilier direkt hier einquartiert wurde, fängt das Pulverfass Feuer. Verstärkt wird das Ganze noch, als plötzlich die kleine Amy spurlos verschwindet.

Die Bewohner riegeln den Bezirk komplett ab und ziehen aufgeheizt und unter Alkohol und Drogen stehend zur, zunächst friedlichen Demo.

Geplant hatten dies Melanie Patterson und ihre Mutter, nachdem sie dies spitz bekamen. Zwar hatte ihr frisch aus dem Gefängnis entlassener Mann Jimmy sie davon abhalten wollen, zumal er – sich noch auf Bewährung befindend – keinen Ärger anzetteln wollte, aber der Eifer der Frauen war nicht zu bremsen.
Mitten im Geschehen ist Dr. Sophie Morrison, eine im Viertel angesehene Ärztin, welche ausgerechnet an diesem Tag nach Feierabend doch noch einen Arztbesuch abstattet und dummerweise diesen genau im Haus des Pädophilien Milosz macht. Dieser entpuppt sich zwar als harmlos und als am Verschwinden der kleinen Amy nicht beteiligt, das Problem ist aber mehr der Patient selber: Sein tyrannischer Vater Franek. Ein ausgeprägter Sadist, der vollkommen unkontrolliert seinen Begierden nachkommen kann, da Milosz nur tatenlos zusieht.

Sophie ist vollkommen auf sich allein gestellt und kann auch nicht fliehen. Denn die Demo gerät natürlich schnell außer Kontrolle als die ersten Brandbomben von außen geworfen werden. Die Polizei indes kann nur tatenlos zusehen. Die Straßen wurden mit brennenden Barrikaden versperrt, der Hubschrauber ist hilfloser Beobachter der grausamen Szenerie welche in Wut und Panik umschlägt.

Jimmy wird unweigerlich mit reingezogen, als er erst eine verletzte Polizistin findet, welche warum auch immer sich allein in diesem Problembezirk aufhält und zudem seine schwangere Frau dringend aus dem Gedränge zu retten ist.

Parallel dazu ermittelt die Polizei eifrig und sucht verzweifelt Amy – wohl wissend, dass diese nicht vom Verdächtigen entführt wurde. Ebenso verzweifelt versucht sie, durch Kontaktpersonen den Mob unter Kontrolle zu halten und zu retten was zu retten ist.

Die Geschichte funktioniert hervorragend mit vielen Schauplatzwechseln und vielen, wirklich starken Charakteren – die man trotz ihrer teilweise vorhandenen Naivität lieb gewinnt, beziehungsweise sich um sie sorgt.

Man weiß, wie viele Leute sterben werden, aber nicht wer und möglich ist dabei sehr viel.

Ein ungemein fesselndes Buch, das eben mehr als nur ein Krimi, sondern auch eine Milieustudie ist. Ob dies zu 100% authentisch ist, wag ich nicht zu beurteilen – mir schien es aber ansprechender zu sein, als „Am Ende war die Tat“ von Elizabeth George, auch wenn diese sich viel länger ausschließlich damit befasste.

Von meiner Seite aus, wirklich empfehlenswert – sofern man sich am Eingangs Erwähntem nicht zu gestört fühlt.

Dienstag, 28. August 2012

Jack Ketchum – Amokjagd






Ein ultrafieses Buch! Carole Gardner wurde jahrelang von ihrem Ehemann gequält, geschlagen und missbraucht. Trotz Trennung und richterlichen Verbots ihr näher zu kommen, lässt ihr Ex-Mann Howard keine Ruhe. Zusammen mit ihrem neuen Freund Lee plant sie daher den perfekten Mord an Howard.

Dieser funktioniert auch erstaunlich gut, wird leider aber von Wayne Lock gesehen. Einem ausgesprochenem Psychopathen welcher gerade erst seine Freundin beim Sex beinahe erwürgt hatte und den Gedanken einen Menschen zu töten liebt. Und dieser meint jetzt endlich jemanden gefunden zu haben, mit dem er seine kranken Vorlieben ausleben kann, da diese etwas geschafft hatten, wovon er bislang nur träumen konnte.

Und es sei wohl nicht zuviel verraten, wenn ich sage, dass er die beiden unfreiwillig mit auf seine geplante Tour nimmt.
Hierbei könnte ich mokieren, dass der Titel absolut bescheuert übersetzt wurde. Auf Englisch schallt sich das Buch „Joyride“ zu Deutsch „Spritzfahrt/Spritztour“ und dies ist dem Ganzen, wenngleich bitterironisch mehr entsprechend als der übersetzte Titel Amokjagd. Zur Verdeutlichung: Entgegen der weitläufigen, medialen Falschinterpretation ist ein Amoklauf, eine Amokjagd oder was auch immer Amok heißt, abgeleitet von der Malaiische Sprache (meng-âmok) –„in blinder Wut angreifen und töten“ NIEMALS eine gezielte oder durchgeplante Tat sondern immer eine einem blindwütigen Impuls folgende Reaktion!

Hier wird nie und nimmer in auch nur irgendeiner Art und Weise Amok gelaufen! Diese Erwartungshaltung, welche man beim Lesen des Titels somit bekommen könnte, erweist sich als vollkommen falsch.

Wir haben mit Lock einen verdammten Bastard, welcher in seiner wahnsinnigen Welt die Begriffe „Bewunderung“, „Freundschaft“ und „Anerkennung“ in verheerend falsch gemeinter Gutmütigkeit fehlinterpretiert und eiskalt durchgeplant seinen irrsinnigen, willkürlichen Höllenritt mit seinen beiden Geiseln als Zeugen durchführt.

Dem Autor ist hier auf erschreckende Art und Weise ein kompliziertes Monster gelungen, welches man als Leser am liebsten durch den Buchdeckel hindurch erschlagen möchte um den Beiden zu helfen. In bislang keinem hier vorgestellten Roman ist es einem Autor bislang so gut gelungen, überhaupt eine und dann so intensive Wut auf einen künstlich erschaffenen Charakter zu erzeugen.

Die Sichtwechsel zwischen potentiellen Opfern, der Polizei und Lock inklusive seiner unfreiwilliger Begleitung schafft ein ultrafieses Bild der Hilflosigkeit und baut einen
unglaublichen Sog auf. Ich hab dieses Buch irre schnell verschlungen und kann es jedem empfehlen, der es seinem Puls zutraut nicht sofort auf 180° hochzuschnellen.

Ein richtig, richtig gemeines Buch…

Donnerstag, 23. Februar 2012

Josh Bazell - Schneller als der Tod


Es mutet ungemein selbstbewusst und von sich selbst überzeugt an, wenn man auf der Rückseite eines Buches kein Wort über den Inhalt verliert sondern nur fleißig Lobhuldigungen aus allen möglichen Zeitungen zitiert und schon auf dem Cover den eingeheimsten Preis vorführt.
Aber was Josh Bazell hier mit „Schneller als der Tod“ auf die Beine gestellt hat, gibt auch das vollkommene Recht dies zu tun.

Zwar findet sich auf fast jedem drittklassigen Buch irgendein lobendes Wort, aber hier trifft auch jedes davon voll und ganz zu! Der beste Thriller den ich seit sehr, sehr langer Zeit gelesen habe, aber fangen wir von vorne an.

Protagonist ist Dr. Peter Brown, so ziemlich der einzige, fähige Arzt in einem chaotischen Krankenhaus in Manhattan. Allerdings heißt er eigentlich Pietro Brnwa und nicht Peter Brown und war unter dem Namen „Bärentatze“ bekannt und gefürchtet als ein höchst effektiver Mafiakiller.
Seine Doktorarbeit ist nur seine neue Identität, aber diese soll nicht lange geheim bleiben.

Gleich auf den ersten vier Seiten wird er von einem x-beliebigen Räuber überfallen, welchen er fachgerecht und anatomisch korrekt außer Gefecht setzt und zur Vorsorge gleich die notwendigsten Notaufnahmemaßnahmen ergreift.

Und diese ersten vier Seiten geben auch schon den Ton an und zeigen was man erwartet. Eine sehr direkte, ungeschönte Sprache, gepaart mit fachlicher Kompetenz und detaillierten Schilderungen welche Knochen und Sehnen wo verlaufen, brechen, schmerzen und kaputt gehen – verbunden mit knallharter und rasanter Action.
Auch bei Kampftechniken, Schusswaffen, Krankheiten, Operationen – Josh Bazell kennt sich aus, scheint gründlich recherchiert zu haben so dass der Eindruck entsteht, als wisse er über was er schreibt.

Ein paar Dialoge weiter wird er von einem alten Bekannten auch schon als die Bärentatze entlarvt und hat damit ein dickes Problem. Denn die Mafia hat noch ein Hünchen mit ihm zu rupfen und schickt schon die Killerkommandos los. Gleichzeitig warten die verschiedensten Patienten dringend auf Hilfe, welcher die überarbeitenden und nur noch Dank Aufputschmitteln arbeitsfähigen Ärzte mühevoll aufbringen. Und die kann er, als der einzige Arzt mit Durchblick nicht ihren Schicksal überlassen.
Das Gesundheitssystem der USA erfährt so, wie auch vieles andere unterschwellig wie auch offensichtlich eine volle Breitseite Kritik.

Es ist ein irrsinniger Wettlauf, welcher mit einem rabenschwarzen und trockenen Humor getragen wird, welcher kaum zu beschreiben ist. So komme ich nicht umhin eine kleine Passage zu zitieren:
„Himmel“, sagt er. „Soviel ich weiß, hab ich sowieso Krebs.“
„Den hast du.“
„Was heißt das?“
„Ich hab gerade deinen Biopsiebefund gelesen.“
„Himmel! Krebs! Ist es schlimm?“
„Nein, fabelhaft. Deswegen will doch jeder Krebs haben.“

Das wirkt aus dem Kontext gezogen bestimmt nicht so gut, aber das Buch ist voll mit dieser Art des Humors und ironischen, sarkastischen Kommentaren.

Parallel wird dazu auch noch erzählt, wie es zu dem kam, wie es jetzt eben ist. Pietro wuchs bei seinen Großeltern auf, welche ermordet wurden als er gerade mal 14 Jahre alt war. Sein damals bester Freund war der Sohn eines Mafiapaten, welcher sie seiner an nahmen und ihm die Möglichkeit zur Rache boten. Und so beginnt sich das Rad zu drehen.

Das Buch ist ultrarasant, hochspannend, witzig, überraschend, sarkastisch, rundum gelungen und wartet mit einem derart überdrehten, geilen Ende auf, dass man sich seinen Tarentino in dem eh schon bildgewaltigen Thriller direkt ins Wohnzimmer holt.

Richtig, richtig abgefahren und wer jetzt auch nur ansatzweise neugierig geworden ist, sollte sich das Buch sofort zulegen! Denn dann kann ich eine uneingeschränkte Kaufempfehlung aussprechen. Ich will auf jeden Fall mehr davon!