...

oder verpass das Schönste.
Buch, Bücher, am büchsten - hier gibt's viele bunt durchgewürfelte Buchrezessionen und Empfehlungen, weil es eben mehr als nur ein Zeitvertreib ist.

Posts mit dem Label Drama werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Drama werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 17. Oktober 2019

Christian Kracht - Faserland


Von Kracht hab ich zufällig erfahren, durch irgendeinen Artikel vom Spiegel, oder der FAZ – irgendetwas was ich online gefunden habe, irgendetwas, für das ich nichts zahlen musste, weil ich für viel zu viele Sachen schon zahle, Zeitschriften und Bücher, die ich dann auch alle behalten muss, die ich nie wegwerfe, selbst wenn sie schlecht waren, auch wenn ich weiß, ich werde sie nie wieder lesen. Auch nicht – sofern ich mal welche haben sollte – meine Kinder, weil man das irgendwie nicht tut, so wie ich die ganzen Bücher meiner Eltern auch nicht lesen werde. Nicht weil es nicht interessiert, wobei – doch vielleicht auch deswegen, aber weil es zu viele sind, weil die Anzahl wie eine Last sein kann, weil sie vielleicht andere Vorlieben und Geschmäcker haben, vielleicht gar nicht gerne lesen oder eben ihren eigenen Weg gehen wollen, mit Büchern ihrer Zeit, ihren Themen.

Auf jeden Fall war da ein Artikel über eine Lesung von ihm, in der er sich plötzlich öffnete, sehr persönlich wurde und von dem am ihm erfolgten Missbrauch schilderte, den er lange verdrängt und nicht bewusst wahrgenommen hatte, an ihm zweifelte, aber immer irgendwo in seinen Texten mitschwang. Etwas doppelbödiges, nicht ausgesprochenes, nicht mal beabsichtigte was – wenn tatsächlich passiert, ich mir schwer traue eine „Liebe“ auszudrücken weil der Kontext nicht passt, aber verlegt ins Fiktive, die wahre Kunst des Grauens, des Horrors ist, weil es nicht offensichtlich, nur gefühlt, aber dennoch unstrittig da in welcher Form auch immer.
Der Artikel war unglaublich spannend geschrieben, wie eine ausgedachte Geschichte und ihr entging, dass Kracht eine sehr interessante Persönlichkeit sein muss, mysteriös, unnahbar, nicht greifbar und ich hatte angebissen, suchte weiter. Mir wurde klar, dass er einer der doch recht großen, aktuellen deutschen Autoren war und irgendwie war es mir fast schon peinlich, bislang nichts von ihm gekannt zu haben. Immerhin maße ich mir an, doch ein wenig Bescheid zu wissen, was Literatur angeht. Klar, sicherlich nicht lückenlos – mir fehlen viele Klassiker und auch vieles von populären Autoren kenne ich nicht, aber es ödet mich größtenteils an, die oft austauschbaren, vorhersehbaren Geschichten, nach dem immer gleichen Schema, die, die sich eben gut verkaufen weil sie gerade en vogue sind, wobei deren Leser nie en vogue sagen würden. Massenmedien, welche sich auch in Supermärkten neben der Fleischtheke türmen, natürlich nur sinnbildlich weil es rein räumlich gar keinen Sinn ergeben würde.
Ich suche immer wieder diese besonderen Sachen, die Visionäre, die Mutigen, die auch grandios daran scheitern können was den Mythos ihrer selbst vielleicht auch gerade erst ausmacht, nicht perfekt marktkonform ausgerichtet zu sein, weil sie ihrer Zeit zu früh, zu spät sind, ihr eigenes Ding eben machen. So einer schien mir Kracht zu sein und daher ärgerte ich mich persönlich, nicht selbst darauf gekommen zu sein, weil er genau das zu sein schien was ich oft suchte, wenn ich ziellos in die Buchläden gehe.

Helfen oder beraten kann mich in der Regel niemand, oft weiß ich ja selbst nicht was ich suche, es muss diesen Funken geben, zwischen mir und dem Buch, der Idee, dem Klapptext. Nicht zwangsläufig wie zwischen Menschen, ich hasse auch gerne Bücher, wenn sie sich ehrlich bemühen mir einen guten Grund zu geben.
Vorab hatte ich noch ein uraltes Video gesehen, als er zu Gast war bei Harald Schmidt, dort wirkte er auch so, wie man ihm oft nachsagte, arrogant, schnöselig, vielleicht auch selbstverliebt. Aber das schreckte mich nicht ab, dahinter kann auch Fassade, eine Schutzhülle stecken und, ausgehend vom Artikel mit dem ich auf ihn aufmerksam wurde, schien mir das auch plausibel. Dennoch, ich wollte mich mit ihm befassen.

Als ich dann in einem besser sortiertem Buchladen, viele führen ihn gar nicht und bestellen wollte ich nicht, das würde diesen magischen Funkenmoment zunichtemachen, dass hätte sowas vorherbestimmtes, erzwungenes, arrangiertes und würde, genau dies schien mir bei diesem Autor falsch, das Aufspüren und finden zunichtemachen, mich verpflichten mich dafür nun wirklich zu interessieren -  schlussendlich seine Bücher fand, war ich fast enttäuscht. Ich hatte ein dickes, gebundenes Buch erwartet für zwanzig Euro aufwärts. Aber es war ein sehr kleines, handliches Taschenbuch, recht dünn und nur halb so teuer.

Mir war klar, dass ich mit dem Debüt anfangen würde. So halte ich es auch in der Regel mit der Musik, ich will meist die Anfänge kennen lernen um die Entwicklung zu erleben und bei Autoren scheint sie mir noch intimer als mit Musik. Mit Musik geh ich wesentlich egozentrischer um, verknüpfe sie mit eigenen Erlebnissen und Emotionen, spiele sie bewusst zu bestimmten Zeitpunkten.
Bei Büchern ist das nicht so, meist liest man etwas auch nicht zweimal, dafür ist es viel zu zeitraubend und man hat nicht diesen Moment, ein Buch nach seiner Stimmung auszuwählen. Eben weil man nicht mal in einer halben Stunde ein ganzes Buch liest.
Vom Anfang bis zum Ende kann diese ja mehrfach einer Änderung unterworfen sein.

Und ich freute mich auf dieses Buch, war es mir zudem auch eine gelungene Zerstreuung im viel zu heißen Münster, dass so oft regenverhangen, nur jetzt nicht, wo es ausnahmsweise sich als nützlich erwiesen hätte, wo ich mit bangem und dumpfen Gefühl meiner Zukunft entgegen oder hinterher sah, je nachdem wie sich die nächsten Tage entwickeln sollten.

Das Buch fing unvermittelt an, eine Art Disclaimer, eine Widmung an die Schwester, vorne wie so oft zwei Zitate welche ich vorher und auch hinterher nur bedingt der Geschichte zuordnen kann, ein Inhaltsverzeichnis mit Zahlen, ausgeschrieben die Kapitelüberschriften, arabisch die Seitenzahl und direkt los, Sylt.
Kracht verzichtet auf Einleitung oder Erklärung, er erzählt direkt los und so stolpert der namenlose Protagonist, geschrieben im Präsens aus der Ich-Perspektive scheinbar willkürlich durch die Geschichte. Es gibt kein direktes Ziel, keine Grundproblematik, beziehungsweise keine, welche von vorne rein fest steht, man kann sich ihrer aus dem Kontext eine ableiten, aber es gibt kein klassisches Problem, keine Aufgabe und ich hatte auch keine Ahnung, was ich erwarten sollte.

Ich wollte frei und möglichst ohne Vorwissen an die Sache rangehen, keinen Hinweis auf welchen Fokus ich meinen Blick legen müsste wenngleich mir dabei vieles entgehen würde. Ich bin nicht zwingend der aufmerksamste Leser, inzwischen mehr als früher, aber ich fühle und atme lieber die Atmosphäre als jedes Wort zu interpretieren und wenngleich es sich wie ein Widerspruch anhören mag, liebe ich es dabei unterhalten zu werden. Ich trauere gelegentlich dem Sog nach, welche Bücher früher für mich hatten, was mich dazu brachte mehrere dicke Schinken in einer Woche zu verschlingen, wenngleich ich nichts heute mehr über ihren Inhalt rezitieren könnte. Ich bin aufmerksamer geworden, aber auch bequemer, lesen macht mich müde, finde viel zu selten Zeit dazu und manchmal vermisse ich das, weil es ein ganz eigener Kosmos ist, in welchen man entführt werden kann, fernab von all den alltäglichen Problemen und Geschehnissen und es wäre heute das Handy oder den PC statt dem Buch, wessen man mich ermahnen müsste, es oder ihn aus den Händen zu legen.

Es gibt Bücher, an denen hänge ich Monate und es frustriert irgendwann, immer wieder alles oder zumindest Kapitel noch mal lesen zu müssen, weil sich Namen und Charaktere nicht einprägen, Handlungen und Motive vergessen worden sind. Aber kurzweilige, dafür intelligente Unterhaltung – am liebsten solche, die nachhallt, mit der es nicht zu Ende ist, sobald die letzte Seite umblättert und der Buchdeckel geschlossen ist, die mag ich. Vielleicht hab ich so etwas von Kracht erwartet, der für die Art seines Erzählens gerühmt wurde.

Und genau das macht er auch tatsächlich, er erzählt ohne scheinbar zu wissen wohin, in welche Richtung. Der Schreibstil ist sehr locker, der Leser wird nicht direkt angesprochen, aber ist sehr nah am Erzähler und indirekt involviert, wenn er zum Beispiel verspricht darauf nochmal zurück zu kommen oder etwas später noch mal auszuführen. Gefühlt könnte es ein typischer Adolesenzroman sein nur scheint der Protagonist schon etwas älter zu sein, Ende 20 – Anfang 30, er geht durchaus noch als Student durch, aber genaueres verrät er nicht.

Vordergründig gibt es keine große Rahmenhandlung, die Erzählung startet in Sylt, er trifft dort Karin mit der er zusammen auch auf Salem im Internat gewesen war, irgendetwas ist zwischen den beiden, sie verabreden sich für morgen und er flieht mehr oder minder kopflos nach Hamburg.
Das ist so gesehen ein sich stetig wiederholendes Motiv, der kopflose Aufbruch, immer wieder in eine andere Großstadt. Überall scheint er wen zu kennen, meist haben sie eine gemeinsame Vergangenheit am Bodensee und leben nun quer verstreut in ganz Deutschland und egal wo, er trifft immer jemanden den er kennt oder jemand vor dem er geflohen ist wieder.

Der Protagonist beobachtet viel, ihm fällt viel auf – vor allem für Markenprodukte hat er ein Auge. Auf dem Buch müsste ein Aufkleber sein – Achtung Productplacement – aber gleichzeitig umschreibt er die oberflächlichen Szenerien. Obwohl einige scheinbar gute Freunde sind, lange hält er es nirgends aus, zum Teil bestiehlt er sie, macht sich aus dem Staub sobald etwas unangenehm wird. Er sieht dass es jemanden schlecht geht und bemerkt, dass niemand sich darum kümmert, tut es selbst aber auch nicht, was fast noch schlimmer ist. Sein einzig treuer Begleiter ist die Zigarette. Er raucht ständig und überall, auch dort, wo er nicht darf, was ihm stets bewusst ist, zum Teil mit Absicht.

Ansonsten beginnt oder endet der Tag in der Regel auf Partys und in Clubs, es ist ein zielloser Rausch, von Stadt zu Stadt inklusive einiger Filmrisse, oder auch nicht. Der Protagonist ist kein wirklich zuverlässiger Erzähler, manches revidiert er, manches übergeht er. Nicht alles was er später verspricht hält er auch ein und erzählt wenig über sich selbst. Was macht er beruflich, was ist sein Ziel, warum hat er so viel Geld, als dass er sich Taxifahrt an Taxifahrt, Flug, Hotel – alles kann er bezahlen. Seine Freunde scheinen auch reich zu sein, zum Teil zumindest, aber reich an was? Nüchtern ist kaum jemand, alle scheinen vor der Realität zu fliehen.

Und so ist es genau genommen die Stimmung die sich einschleicht, die einen manchmal neidisch auf den Protagonisten werden lässt und im nächsten Moment ist man froh, nicht mit ihm die Rollen getauscht zu haben. Glücklich scheint er nur manchmal in Rückblicken zu sein und auch da, nur bedingt. Zum Teil wirken die Kommentare zynisch, verbittert sind sie noch nicht aber es ist oft nur vordergründig lustig. Ich empfand vieles als trostlos und einsam, eine Ansammlung an unendlichen Möglichkeiten aber einem Mangel an Halt und vor allem Haltung. Es wird nicht klar, für was er steht, er kritisiert andere Personen widersprüchlich zu sein, indem ihm vorgeworfen wird „ein Nazi und unpolitisch zu sein“ und fragt sich zu Recht, wie das gehen soll, aber beschimpft selbst Passanten als
„SPD-Nazi“. Manchmal wundert er sich warum er mit seinen Freunden befreundet war, er kann gut zuhören, versteht aber nicht immer ihre Motive und Haltungen, nur manchmal bekommt er einen Hauch Ahnung davon und irgendwie haben sie alle so ihre Marotten und vage Motive, die vielleicht nett gedacht aber nicht zu Ende gebracht sind.

Das Buch hat damit gar nichts zu tun, aber ich musste unweigerlich an „Einmal bitte Alles“ denken – ein deutscher Film dessen Protagonisten im ähnlichen Alter spielen, dort mit konkreteren Zielen aber ähnlichem Scheitern und offenem Zweifeln, vielleicht so eine Mid/End 20er Sache, man müsste mitten im Leben stehen, aber irgendwas fehlt.

Eine Freundin scheint er nicht zu haben, aber viele Bekanntschaften, in fast jeder Stadt knistert es irgendwie, zumindest fast, meist kommt was dazwischen, oft ist es die eigene Flucht. Etwas Homoerotik ist aber auch nicht weit weg und mit dem unfairen Wissen eingangs erwähnter Lesung lässt sich hier die Schlüsselszene lokalisieren, aber sie ist nicht elementar – nicht insofern, als dass es der Handlung einen gänzlich anderen Drive gegeben hätte.

Ich habe hinterher den Fehler gemacht sekundäre Eindrücke des Buches zu lesen, bevor ich das hier schrieb. Ich vermeide so etwas, wohlwissend dass ich vielleicht auch einiges anders wahrgenommen, gedeutet oder gewichtet habe. Ich will meine Meinung, meine Ansicht wiedergeben, nicht das wiederholen was andere darin sahen oder man hätte sehen müssen.
Und ja – es ist viel Symbolik, viel Metaebene darin enthalten, einiges durchaus offensichtlich, manches weniger, der Wikipedia-Artikel ist mehr als nur erschöpfend. Ich bin kein Freund davon alles tot zu interpretieren, aber ich will meine Texte auch so schreiben, dass es noch wert ist das Buch zu lesen, dass nicht alles vorweg genommen wurde, es soll eine Empfehlung, keine Deutung oder Inhaltswiedergabe sein.

Bislang hab ich noch nie so unmittelbar nach Beendigung eines Buches eine Review verfasst und auch nie in der Form, es ist mehr – ich stehe noch unter dem direkten Einfluss des gerade Gelesenen, es ist fast schon eine Hommage an Kracht – wenn man es wohlwollend formuliert, anbiedernd wenn man es mir unterstellen möchte.

Für mich ist es aber auch auf persönlicher Ebene interessant, denn wenngleich es nicht autobiografisch von Kracht ist, war er – als er das Debüt schrieb im gleichen Alter wie ich es jetzt bin. Ich mag seinen Stil, ich schreibe zum Teil ähnlich aber nicht so ausformuliert, so durchdacht, nicht auf dieser Länge – ich will nicht anmaßend klingen, vielleicht eine Seite und dann verlässt es mich – ist die Idee zu Ende oder war nicht ausgedacht.

Ich tue mir schwer mit Autoren die Vorbilder sein könnten weil ich meinen eigenen Stil behalten oder entwickeln möchte und ich habe das Gefühl, dass Kracht nach Mark Z. Danielewski und der Band Nocte Obducta der zweite Autor sein und werden könnte, der mein Verständnis und Selbstanspruch an Texte radikal ändert oder erweitert, daher auch das Debüt und das könnte. Vielleicht hat er sich in eine andere Richtung entwickelt als es mir lieb wäre, vielleicht ist es aber auch gut. Mal sehen.


Das Buch war 2013 in Niedersachsen Pflichtlektüre für das Abitur und wurde zum Teil auch hart dafür kritisiert, es würde nur das Lebensgefühl einer kleinen Gruppe von heute 40- bis 60-Jährigen wiederspiegeln, 2015 wurde es von der Zeitschrift Chrismon zu den sieben Büchern „die in der Deutschstunde nichts mehr verloren haben“ gezählt (Infos stehen so und ausführlicher beim erwähnten Wikipedia-Artikel) und das ist in meinen Augen falsch. Ich denke, es könnte eher eines dieser Bücher sein, welches die Schüler 5-10 Jahre nach dem Abitur freiwillig zur Hand nehmen und vielleicht nochmal lesen. Da passt es und gleichwohl es Mitte der 90er Jahre geschrieben wurde, die Kernproblematik hat sich kaum geändert, zum Teil eher verschärft und ist wesentlich bedeutender und näher am Lebensgefühl heutiger Jugendlicher als es Günter Grass – „Katz und Maus“ oder Ingo Schulze „Adam und Evelyn“ ist. Das musste ich damals lesen, Zweiter Weltkrieg und Mauerfall – naja, bildungs-politisch gewollt vielleicht, aber nie aktiver Teil meines Lebens wenn man ehrlich ist.

Wenig überraschendes Fazit an dieser Stelle – lesenswert, vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Montag, 16. Dezember 2013

Petra Hammesfahr - Erinnerung an einen Mörder



Der Anfang erinnert mich unweigerlich an „Sie nannten mich Es“ von Dave Pelzer und es gibt in der Tat viele Gemeinsamkeiten. Ein kleines Kind (der achtjährige Felix), eine tyrannische, brutale, faule und sadistische Mutter (Lotti) und ein oft fehlender Vater, welcher es nicht schafft der Mutter die Stirn zu bieten (Thorsten) – lustigerweise wie eben in obig erwähntem Buch ebenfalls in der Feuerwehrmann ist, wenngleich nicht hauptberuflich. Die jüngeren Schwestern (Annika und Sabine) kann man unter Umständen ebenso dazu zählen, anders ist aber die fiese Großmutter mütterlicherseits (Giftzahn), welche Thorsten für einen Nichtsnutz hält und welcher ihre unschuldige und hochbegabte Tochter so früh geschwängert hat. Beruflich schuftet Thorsten in einer Kunststoffgießerei und hilft manchmal in Extraschichten dem Onkel (Peter) von Felix in dessen Logistikunternehmen indem er die ein oder andere Tour fährt, während er sonst ab und an bei der Feuerwehr Menschen rettet und dafür von Felix als Held verehrt wird. Das Geld muss er fast vollständig der raffgierigen Lotti und dem Giftzahn abdrücken, welche einen Großteil davon sinnlos in Kleider, Schminke und dergleichen verfeuert.

Der Anfang ist daher mehr ein unfaires Martyrium, bis eines Tages schreckliches geschieht und die ganze Familie abgeschlachtet wird. Lediglich Felix überlebt, da er nicht rechtzeitig von der Schule zurück kam. Erinnern kann er sich daran nicht wirklich, obgleich er den Tatort als erster damals gesehen hatte. Die Bilder haben sich in seinem Kopf festgesetzt, aber eine Chronologie oder einer Sicherheit ob ihrer Wahrheit hat er nicht.

Sein Onkel Peter nimmt sich seiner an, adoptiert ihn und schickt ihn auf eine angesehene Privatschule, bzw. Internat um ihn dort auszubilden und als seinen Nachfolger im inzwischen florierenden Unternehmen hochzuziehen. Thorsten ist inzwischen geächtet und als der Täter ausgemacht, welcher sich feiger weise am Schluss noch selbst umgebracht hat. Ein aggressiver und streitsüchtiger Mensch soll er gewesen sein, unzuverlässig und ein Taugenichts. Felix Weltbild und Ansicht seinem Vater gegenüber hat sich drastisch geändert und eine 180° Kehre hingelegt, schien ihm doch sein damaliges Bild komplett verklärt zu sein. Die Vater-Sohn Beziehung wandelt sich im Verlauf noch einige male, was Thorsten, Peter und Felix anbelangt, was durchaus interessant gestaltet ist.

An seinem 16. Geburtstag geschieht aber plötzlich etwas, worauf hin er meint sich an die damaligen Begebenheiten zu erinnern. Wie der Klapptext unlängst verrät irrt er sich. Hier hatte ich erwartet, dass aufgrund dessen er in den Fokus eines Killers gerät, den falschen laufen lässt oder dergleichen – immerhin wird mir das Buch als ein Psychothriller verkauft und bis dahin ist schon einiges an Zeit vergangen und sooo dick ist das Buch auch wieder nicht. Aber das Buch verrät nicht viel und lässt den Leser noch sehr lange im Unklaren.

Es gibt mehrere Phasen in denen sich das Leben wieder beruhigt, bis ein neuer Verdacht aufkeimt, dass die offizielle Geschichte nicht ganz den Wahrheiten entspricht. Mal gibt ihm Thorstens Mutter Hinweise, mal ist es ein Bekannter oder eine Hellseherin und auch wenn viele Überlegungen ins Leere laufen, die Zweifel bleiben – zumindest beim Leser. Das streckt sich über eine große Zeitspanne, reißt immer wieder alte Wunden auf und macht Felix unsicher darüber, ob das – an was er sich erinnert – das ist was er wirklich sah, oder das was man ihm erzählte. Sowohl offiziell als auch inoffiziell. Dazu plagen ihn mysteriöse und verschlüsselte Träume und Visionen, welche in Verbindung mit dem Tattag stehen – er ihre Symbolik aber nicht sicher entschlüsseln kann.


Die Spannung welche hier aufgebaut wird, ist in meinen Augen daher nicht wirklich herkömmlicher Art. Es gibt, das Ende ausgenommen keine direkte Bedrohung in der Gegenwart, aber eine sehr große Unsicherheit bezüglich der Vergangenheit und ihrer weitreichenden Konsequenzen. Man will eben unbedingt wissen, was damals wirklich geschah, wer lügt und wer nicht und wenn, aus welchen Motivationen.

Interessant finde ich hier an dieser Stelle auch noch die Sprache, sie ist vermeintlich sehr roh und leicht derb in den Dialogen was ungewohnt, aber durchaus authentisch ist. Da werden Arbeiterlieder zitiert und gesungen, Beleidigungen und Flüche ausgestoßen aber alles in einem sinnvollen Rahmen. Ich habe mich nicht direkt daran gestoßen, musste mich aber daran erst gewöhnen. Am Ende einige ich mich da auf eine perfekt platzierte Hassliebe bezüglich der Sprache. Sie ist im Großen und Ganzen gut und treffend, muss einem aber vor allem in den Dialogen liegen auch wenn sie vollkommen ihre Berechtigung hat.

Die Geschichte ist bis hin zum Ende sehr verworren und wird immer blutiger, schafft es aber sich glaubwürdig aufzulösen. Ob die Handlungen der einzelnen Protagonisten immer Sinn machen ist eine andere Frage, sie sind aber nicht unlogisch. Der Psycho-Stempel ist gegen Ende aber dann doch verdient, insgesamt ein guter Thriller welcher sich erfreulich vom Gros abhebt, auch wenn die Geschichte doch recht vertraut anfing. Denn damit hat es im Endeffekt überhaupt nichts mehr zu tun.

Lohnt sich meiner Ansicht nach zu lesen.

Mittwoch, 16. Oktober 2013

Paolo Giordano - Die Einsamkeit der Primzahlen



Dem Buch ging ein viel zu guter Ruf voraus, an dem es sich messen lassen musste – bei mir aber Erwartungshaltungen schürte, welche nur bedingt erfüllt wurden. Nicht unbefriedigend und keines Falls schlecht, aber auch nicht in dieser überwältigenden, melancholischen Szenerie welche ich erwartet hatte. Diese klingt zwar doch irgendwie nach, was sehr lobenswert ist und für das Buch spricht, wenn es über das Ende hinaus wirkt - ließ aber für mich persönlich ein wenig zu lange auf sich warten.

Der Einstieg ist dennoch flott und klar, man schreibt das Jahr 1983 und die junge Alice will nicht. Sie ist auf einer Skischule und soll heuer den Abhang hinunter fahren und es den anderen beweisen. Der Wunsch ihres Vaters wird dabei zu ihrem gemacht, ob sie will oder nicht. Es ist die Erwartungshaltung, das Gefühl determiniert zu sein, ein unfreier Druck – es beklemmt sie und sie nässt sich in Folge regelmäßig ein. Die Schilderungen mögen irritieren, sie sind genau und klar, im Detail womöglich überflüssig und leicht ekelig, aber dennoch authentisch und sollten nicht abschrecken. An jenem Tag kotet sie sich sogar ein und beschließt beschämt aber auch aus Trotz und Frust alleine zu fahren. Der Tag ist Nebel verhangen und es muss zum Unglück kommen. Sie stürzt schwer, verletzt sich und ihr Bein ist von nun an versteift. Das Vertrauen zum Vater verloren.

1984 erleben wir den zweiten Protagonisten Mattia und seine behinderte Zwillingsschwester Michela. Was in ganz jungen Jahren noch nicht allzu sehr augenscheinlich war, wird für Mattia störend und lästig. Ständig muss er auf seine Schwester aufpassen, in der Schule sitzt er neben ihr und ihre Existenz ist seinem Ruf nicht gerade dienlich, denn irgendwie trägt er sie immer mit sich herum, ist sie zwischen ihm und den anderen Kindern. Er schämt sich mitunter für sie und ihr Verhalten. Als er auf eine Geburtstagsparty eingeladen wird, inklusive seiner Schwester und sie zusammen hingehen sollen, lässt er sie für wenige Stunden alleine im Park sitzen. Mit tragischem Ausgang, Michela verschwindet und ist nicht mehr da, tot.

Danach setzt die Handlung wieder 1991 ein und beide Akteure schleppen ihre Probleme untrennbar mit sich herum. Alice ist magersüchtig, Mattia verletzt sich selbst – beide sind sie auf eine gewisse Art und Weise isoliert. Und irgendwie – so werde ich das Gefühl nicht los – sind beide Familien mit den Problemen überfordert, erkennen sie nicht wirklich oder wollen sie nicht erkennen. Sind selbst von der Vergangenheit gefangen. Zumindest können ihre Kinder nicht auf sie zählen oder hoffen.

Alices Bezugspunkt ist Viola, die unumstrittene Chefin unter den Mädchen. Viola dominiert, hat mehr Erfahrung mit Jungs, Sex und Drogen. Erst spielt sie mit ihr und erweist ihr dann angeblich die heiß begehrte Gunst und Aufmerksamkeit. Mattia hat als einzigen Freund Denis, dessen größtes Geheimnis und Problem ist, schwul zu sein. Viola ist schließlich die ausschlaggebende Person, welche Alice und Mattia miteinander bekannter macht, sie indirekt verkuppelt und die Erzählstränge zusammen führt. Denis macht daraus kurzfristig noch ein kompliziertes Dreigestirn, verliert aber zunehmend an Bedeutung.

Von nun an ist es ein stetiges sich zueinander wenden und nähern, sich doch nicht treffen, vom Schicksal auseinander gerissen werden und wiederfinden. Hier trifft der Titel auch perfekt zu. Es gibt immer Primzahlpaare welche nah beieinander stehen, aber dennoch immer irgendwie getrennt sind.


Und so flieht sich Mattia in die Mathematik und Alice in die Fotographie, sind füreinander gemacht und finden doch nicht zueinander, was die Tragik des Buches unterstreicht.

Aber genau hier sehe ich das Problem. Das Buch ist sanft geschrieben und auch wahrlich weit weg vom triefendem Kitsch, aber es schildert das Drama nicht laut und deutlich, was nicht zwangsläufig schlecht sein muss – sondern viel mehr in leisen Zwischentönen. In meinen Augen geht hier aber viel zu viel verloren, wäre durchaus mehr drin gewesen.

Nach den ganzen Beschreibungen und Vorschusslorbeeren, hatte ich richtig großes und imposantes Kino erwartet, welches mich emotional gnadenlos niederreißt. Ich wollte mitleiden und konnte diesem Wunsch zu selten nachgehen. Von Gleichgültigkeit kann nicht die Rede sein, aber es fehlt ironischerweise wie zwischen den Protagonisten immer noch dieser letzte Funke, der eine Moment, die kleine Passage. Ohne Zweifel gibt es die Momente, an denen man am liebsten den ein oder anderen Charakter zu rufen möchte was er dann da gerade bitte tut, ob er blind sei – aber das reicht nicht ganz.

Es ist nicht substanzlos und hat seine respektable Tiefe und Wendungen, aber ist eben „nur“ gut und nicht dieses Überbuch welches ich erwartet hatte und als welches es durchaus gehandelt wird. Lediglich am Ende, als alles so endgültig erscheint wird noch ein starkes Signal in die Leere geschickt welches wiederkommt und genau das, was ich teils vermisste mit sich bringt und tief in einen verankert. Der retardierte Moment ist vorbei, die Wogen können herab brechen und große, tiefe Wellen hinterlassen. Im Leser, nicht mehr im Buch

Montag, 16. September 2013

Kerstin Duken – Jahrhundertsommer



Bei Iris läuft es perfekt im Leben. Sie fühlt sich wohl in Berlin, hat einen perfekten Job als Werberin, hat die richtigen Freunde und alles ist gut bis in jener Juli Nacht 2002 als sie wie aus dem Nichts überfallen wird, ihr die komplette Sicherheit und Stabilität unter den Füßen weggezogen wird. Wie darauf hin nichts mehr klappt, ihr alles zu viel, zu fremd, zu bedrohlich ist – wie ihre alte Existenz, ihr altes Leben nicht mehr das gleiche ist und wie sie sich mühsam versucht aus diesem Trauma zu befreien, davon soll dieses Buch handeln.

Der Klapptext klingt ansprechend und vielsagend, zudem wird noch mit dem BRIGITTE Roman Preis 2007 geködert und ich hatte echt viel von diesem Buch erwartet, nur war es leider ein kompletter Reinfall.

Technisch gesehen ist der Schreibstil durchaus in Ordnung, ein klein wenig ungewöhnlich aber in sich stimmig. Aber distanziert – viel zu distanziert. Ich konnte die ganze Zeit absolut überhaupt keine Verbindung mit der Protagonistin aufbauen, konnte mir kein Bild von ihr machen – gar nichts.

Die voyeuristische Ader wird schon im Akt des Überfalls bitter enttäuscht, welcher in gut 3 knappen Zeilen erledigt ist. Keine Details oder Hintergründe, auch im Verlauf der Handlung nicht – welche genau genommen, sehr stagnierend ist. Es passiert nicht wirklich viel, zumindest kann ich mich mit etwas zeitlicher Distanz an praktisch nichts mehr erinnern was durchaus Bände spricht.

Iris ist widersprüchlich, verhält sich unlogisch und zerrissen – das mag authentisch sein oder auch nicht, ist aber nicht unbedingt nachvollziehbar. Ich find es platt, eindimensional und teilweise vulgär. Vor allem kümmert es den Leser kaum. Man giert nach Hintergründen, Entwicklungen oder zumindest nach tiefen, seelischen Einblicken – erhält stattdessen eine unterkühlte, verschlüsselte und unnahbare Szenerie nach der anderen welche nur selten etwas aufbaut.

Ich hab verzweifelt gesucht woran dies liegen könnte, wollte schon irrsinnigen Blödsinn wie das Bild der Autorin in den Raum werfen was genau betrachtet so ziemlich das schwachsinnigste ist was ich je gelesen hab, nicht besser der Umstand, dass ich es selbst schrieb - aber ich kam nicht wirklich zu einer Lösung.

Der Roman hätte so viele tolle Möglichkeiten ein wirklich berührendes und tiefschürfendes Bild zu zeichnen, so viel mehr schockierender und verstörender. Nicht im plakativen Sinne, ich will mich gar nicht in bombastischen Szenen wälzen – aber ich wollte sie wenigstens irgendwie erleben, darüber nachdenken oder philosophieren. Es ist leider viel zu fern, zu steril. In der Gesamtperspektive schrumpft der durchaus vorhandene Humor, die Tragik, der Tiefsinn – einfach alles zu einer grauen, bedeutungslosen Nichtigkeit zusammen.

Ich bezweifele stark, dass diese Wirkung Absicht gewesen sein konnte. Zwar wird durchaus mit einer Art Parallel- und Scheinwelt gespielt in der Iris lebt, abgetrennt von der realen, nie innehaltenden Welt welche sich nicht kümmert was mit den in ihr agierenden Personen passiert – aber selbst wenn diese Radikalität gewollt sein sollte. Sie ist leider nicht gelungen.

Sonntag, 4. August 2013

Daniel Depp – Stadt der Verlierer



Depp? Wer nennt sich denn freiwillig Depp? Oder wird das etwa? Ne? Doch, es ist der ältere Halbbruder des berühmten Johnny Depp, welcher hier sein Insiderwissen vollkommen ungeniert nutzt um radikal mit der Verlogenheit von Hollywood abzurechnen.

Dafür erschafft er mit David Spandau einen Privatdetektiv und Exstuntman den perfekten Protagonisten. Als Hobbycowboy verdreht er sich ab und an noch den Daumen beim Rodeo und liebt die Farm welche von der Mutter seiner Exfreundin Dee betrieben wird. Dort ist er jederzeit willkommen und irgendwie liebt er auch noch seine Ex, es läuft nur nichts wirklich zusammen. Hier wird der tragische Held offensichtlich, welcher alten Zeiten nachtrauert und nicht so ganz in die heutige Zeit passen will, was Haltung, Attitüde und Vorlieben anbelangt. Trotz allem kennt er sich aus, wirft mit wehmutigem Blick die Schatten hinter der Fassade auf.

Dieser bekommt nun einen Auftrag über seine Agentur. Der angesagte Schauspieler und Favorit auf den Oscar – Bobby Dye – soll angeblich Morddrohungen erhalten haben. Spandau legt sich gleich mit dessen Sicherheitspersonal an und glaubt Bobby Dye kein Wort. Wie sich herausstellt liegt er damit auch vollkommen richtig. In Wirklichkeit wird Bobby Dye von Richie Stella erpresst. Seinerseits zwielichtiger Clubbesitzer und Dealer, welcher den Sprung ins Filmgeschäft wagen will und dafür gerne Bobby Dye als Schauspieler hätte. Der fürchtet sich allerdings angesichts des miesen Plots um seine Karriere und war dem folglich abgeneigt. Bis eben eine Mädchenleiche in der Toilette von Bobby Dye gefunden wurde und Stella davon zufällig  Fotos hat.

Wie diese platziert wurde, erfährt man gleich am Anfang, als man Stellas Komplizen Squiers und Potts über die Schulter schauen darf. Squiers ist dabei der klischeehafte Volltrottel mit mehr Muskeln als Hirn, während Potts daran schier verzweifelt. Vor allem Potts wird im Verlauf der Geschichte auch noch wichtiger und erhält eine schöne Nebengeschichte, in der sich sein Schicksal zu wenden scheint und er kurz vor dem Absprung von seiner kriminellen Verliererlaufbahn steht.

Spandau rekrutiert währenddessen noch seinen alten Freund Terry McGuinn, welcher mich persönlich an eine etwas verschärfte Version von Terrence Hill erinnert. Klein, verschlagen und vor allem mit schlagfertigen Argumenten ausgestattet. Zusammen wollen sie herausbekommen was Stella genau will und weiß. Dafür schleichen sie sich an Allison heran, die erfolgreiche Geschäftsführerin von Stellas großem Club. Und irgendwo da gerät alles komplett aus den Fugen und alles geht dramatisch schief…

Und genau in diesem Scheitern, in dem Moment wo alles zum Spielball größerer Mächte wird während nach außen hin ein schöner Schein gewahrt wird, brilliert der Roman der irgendwie doch viel mehr als nur ein Krimi ist und sich viel Zeit für den Charakteraufbau nimmt. Dies ist beiweilen aber auch nötig um den Faden nicht zu verlieren und wurde so elegant gelöst. Das Ende ist ein fieser Schlag in den Magen, metaphorisch gesehen und unterstreicht den Titel des Buches auf eine überraschende, dennoch ernüchternde Art und Weise.

Hervorzuheben ist auf jeden Fall noch die extrem zotige Sprache die absolut kein Blatt vor den Mund nimmt und nur so vor starken Sprüchen strotzt, welche oft sehr unterhaltsam sind. Leider gibt es einige Momente, wo dies überhand nimmt und das Ganze zum unglaubwürdigen Slapstick verkommt. Der obige Querverweis zu Terrence Hill und auch zu Bud Spencer passt was ihre Filme anbelangt.

Ähnliche Sprüche werden hier am laufenden Band gerissen. Spöttisch, schlagfertig und ein paar Briketts böser. Wenn sich so ein Dialog aber über 2 Seiten zieht wirkt er konstruiert und zwanghaft, mehr auswendig gelernt denn auf die Situation angepasst.
Somit ist diese Sprache nicht nur ein Erkennungsmerkmal und ein Stilmittel dieses lockeren und flüssigen Schreibstils, sondern auch Stärke und Schwäche zugleich.

Davon mal abgesehen, was je nach persönlicher Präferenz leichter oder schwerer fällt, ein guter Einstieg in eine neue Reihe wobei ich mich frage, wie darauf aufbauend, diese Idee noch getoppt werden kann. Folglich kein Autor der nur versucht durch seinen Namen zu profitieren und mit brüderlicher Schützenhilfe in den Fokus gehievt zu werden. Denn eigentlich, gehört er dort auch ein klein wenig hin und das schafft er mit diesem Buch ganz allein.

Freitag, 28. September 2012

Minette Walters – Der Nachbar



Ein sehr gutes und spannendes Buch war in meinen Augen „Der Nachbar“ von Minette Walters. Man kann dem Buch vorwerfen, ein etwas zu rundes und pathetisches Ende a là Hollywood zu haben, wobei dies auf keinen Fall im Sinne von Friede, Freude, Eierkuchen verstanden werden darf.
Aber wer sich daran nicht stößt, findet hier eine wunderbare Mischung aus Krimi, Thriller und Drama mit einem unterschwelligen Appell zur Vernunft. Das Thema ist brisant und lässt Gemüter gewöhnlich und nachvollziehbar hoch kochen, zeigt aber wunderbar warum Mäßigung wichtig ist. Sollte wirklich jeder lesen müssen, der sich per se für das Thema Todesstrafe ausspricht.

Und Tote gibt es hier! Gleich zu Beginn wird rückblickend vorgegriffen, als von schrecklichen Ausschreitungen mit 3 Toten und über 180 Verletzten berichtet wird. Eingeleitet durch Polizeiberichte, Aktenzeichen und Funksprüchen werden die Entwicklungen und der Ablauf des Massakers beschrieben.

Schauplatz ist ein kleiner, eingeschlossener Randbezirk einer englischen Stadt, welcher nicht gerade zu den schönsten Ecken gehört und als Problembezirk inklusive typischer, krimineller Elemente gilt. Dennoch hält das Viertel zusammen und als durchsickert, dass ein Pädophilier direkt hier einquartiert wurde, fängt das Pulverfass Feuer. Verstärkt wird das Ganze noch, als plötzlich die kleine Amy spurlos verschwindet.

Die Bewohner riegeln den Bezirk komplett ab und ziehen aufgeheizt und unter Alkohol und Drogen stehend zur, zunächst friedlichen Demo.

Geplant hatten dies Melanie Patterson und ihre Mutter, nachdem sie dies spitz bekamen. Zwar hatte ihr frisch aus dem Gefängnis entlassener Mann Jimmy sie davon abhalten wollen, zumal er – sich noch auf Bewährung befindend – keinen Ärger anzetteln wollte, aber der Eifer der Frauen war nicht zu bremsen.
Mitten im Geschehen ist Dr. Sophie Morrison, eine im Viertel angesehene Ärztin, welche ausgerechnet an diesem Tag nach Feierabend doch noch einen Arztbesuch abstattet und dummerweise diesen genau im Haus des Pädophilien Milosz macht. Dieser entpuppt sich zwar als harmlos und als am Verschwinden der kleinen Amy nicht beteiligt, das Problem ist aber mehr der Patient selber: Sein tyrannischer Vater Franek. Ein ausgeprägter Sadist, der vollkommen unkontrolliert seinen Begierden nachkommen kann, da Milosz nur tatenlos zusieht.

Sophie ist vollkommen auf sich allein gestellt und kann auch nicht fliehen. Denn die Demo gerät natürlich schnell außer Kontrolle als die ersten Brandbomben von außen geworfen werden. Die Polizei indes kann nur tatenlos zusehen. Die Straßen wurden mit brennenden Barrikaden versperrt, der Hubschrauber ist hilfloser Beobachter der grausamen Szenerie welche in Wut und Panik umschlägt.

Jimmy wird unweigerlich mit reingezogen, als er erst eine verletzte Polizistin findet, welche warum auch immer sich allein in diesem Problembezirk aufhält und zudem seine schwangere Frau dringend aus dem Gedränge zu retten ist.

Parallel dazu ermittelt die Polizei eifrig und sucht verzweifelt Amy – wohl wissend, dass diese nicht vom Verdächtigen entführt wurde. Ebenso verzweifelt versucht sie, durch Kontaktpersonen den Mob unter Kontrolle zu halten und zu retten was zu retten ist.

Die Geschichte funktioniert hervorragend mit vielen Schauplatzwechseln und vielen, wirklich starken Charakteren – die man trotz ihrer teilweise vorhandenen Naivität lieb gewinnt, beziehungsweise sich um sie sorgt.

Man weiß, wie viele Leute sterben werden, aber nicht wer und möglich ist dabei sehr viel.

Ein ungemein fesselndes Buch, das eben mehr als nur ein Krimi, sondern auch eine Milieustudie ist. Ob dies zu 100% authentisch ist, wag ich nicht zu beurteilen – mir schien es aber ansprechender zu sein, als „Am Ende war die Tat“ von Elizabeth George, auch wenn diese sich viel länger ausschließlich damit befasste.

Von meiner Seite aus, wirklich empfehlenswert – sofern man sich am Eingangs Erwähntem nicht zu gestört fühlt.

Dienstag, 4. September 2012

Jennifer Egan – Im Bann



Als echte Perle erwies sich „Im Bann“ von Jennifer Egan, welches meine Erwartungen mehr als nur übertraf. Besonders gefiel mir die sehr bildliche und atmosphärische Beschreibung, welche mich sehr ansprach und ein sehr überzeugendes Kopfkino auslösten. Das fing schon auf der ersten Seite an wohlgemerkt!

Aber erst einmal zur Handlung: Danny war ein Vorzeigejunge, ganz im Gegensatz zu seinem Cousin Howard. Inzwischen ist Danny allerdings nur noch ein abgefrackter Internetfreak welcher zwanghaft jederzeit erreichbar sein muss. Howard hingegen meldet sich plötzlich aus dem Nichts. Inzwischen reich, erfolgreich, angesehen und mit einer Aura der Macht umgeben, lädt er seinen Cousin zu einem Treffen auf einer verfallenen Burg irgendwo in Europa ein. Dort soll Danny Howard helfen daraus ein Hotel zu machen. Danny sagt zu, aber sehr bald plagen ihn düstere Vorahnungen. Denn was genau soll er dort tun? Ist dies alles eine Falle, eine verspätete Rache? Immerhin hatte er Howard in der Kindheit sehr übel mitgespielt.
Parallel dazu erfahren wir von Ray, welcher im Gefängnis sitzt und von einem Zellenmitinsassen zur Teilnahme an einem Schreibkurs bei der Lehrerin Holly überredet wurde um diesem nicht länger auf die Nerven zu gehen. Widerwillig rafft er sich auf und erzählt die Geschichte von Danny und Howard, der alten Baronin welche noch im Bergfried haust und sich partout nicht vertreiben lässt und aus der ferne viel jünger als aus der Nähe aussieht. Gleichzeitig hält sich Ray nervige Mitinsassen vom Hals und versucht die Aufmerksamkeit von Holly zu erreichen. Und ist alles nur erfunden oder basiert es auf wahren Gründen?
Der Roman balanciert sehr geschickt zwischen Realität und Fiktion, Humor, Liebe und hilfloser und doch alberner Tragik. Er ist zum einem leuchtend hell, spannend und doch düster. Nicht direkt gruselig, aber schaurig, surreal und teilweise ungewöhnlich beklemmend.

Gegen Ende wird er in meinen Augen leider etwas unübersichtlich, die Ereignisse überschlagen sich zu schnell, die Szenen werden zu hart ohne Überleitung geschnitten. Die letzte Perspektive wird erst nach einigen Seiten verständlich. Wenigstens die Überraschungen haben so ihren Namen auch verdient. Gelöst, aber nicht perfekt.
Trotz alledem ein wunderbares Buch, sehr fesselnd, sehr stark geschrieben und bildhaft wie selten ein Buch. Erfrischend und angenehm überraschend. Sollte mehr als nur einen Blick wert sein!

Sonntag, 4. Dezember 2011

Elizabeth George - Am Ende war die Tat


„Am Ende war die Tat“ von Elizabeth George ist ein anspruchsvolles und wirklich gutes Buch sofern man das nicht tut, was man normalerweise gewohnt ist zu tun, wenn man sich ein Buch kauft, nämlich den Klapptext oder die Rückseite des Buches zu lesen.

Es ist ja nichts neues, dass die Inhaltsangaben meist vom Verlag oder sonst wem, nicht aber vom Autor selbst geschrieben werden und diese leider oft meilenweit am Ziel vorbei schießen; daher kann dieser Text hier auch auf keinem Fall im Sinne der Autorin sein.
Bevor ich auch nur Ansatzweise auf den Inhalt eingehe rate ich jedem auch nur potentiell interessiertem Leser jenes Romans es tunlichst zu vermeiden auch nur einen Blick darauf zu werfen.

Denn das was dort steht, nimmt das komplette Ende des Romans vorweg und lässt genau die Fragen offen stehen, welche das Buch selber offen lässt. Zudem suggeriert es, dass es sich hier um einen Thriller oder einen Krimi handelt, was aber bei weilen nicht der Fall ist.

„Am Ende war die Tat“ ist vielmehr eine fein ausgearbeitete Milieustudie, vielleicht in gewisser Weise noch ein Drama – aber definitiv kein Krimi!

Inhaltlich geht es darum, dass Joel, seine ältere Schwester Ness und sein kleinere Bruder Toby welche bei ihrer Großmutter leben, da ihre psychisch labile Mutter in der Anstalt sitzt, eines Tages plötzlich zu ihrer ahnungslosen Tante Kendra abgeschoben werden, da die Großmutter sich nach Jamaika absetzt.
Und damit gehen die Probleme erst richtig los. Die maßlos überforderte Tante und ihre Nichte und Neffen werden mit Problemen konfrontiert, welche sie gnadenlos in den Abgrund zieht. Schauplatz ist ein heruntergekommener Slum mit all seinen Drogendealern, Straßengangs und sonstigen kriminellen Machenschaften.

Die ganze Szenerie wirkt trist und hilflos, vor allem in den Szenen in denen Kendra und Joel auf unterschiedliche Art und Weise versuchen die Situation zu meistern und retten, sich aber eher noch mehr im Schlammassel verheddern. Das ganze hat zwischendrin durchaus spannende Szenen, der gesamte Spannungsbogen entfaltet sich aber langsam wenngleich unaufhaltsam bis zu einem tragischen, wenngleich ab einem gewissen Punkt unweigerlichen Ende.
Und genau dieses Ende, welches über die ganzen 672 Seiten gekonnt aufgebaut wird, verrät dieser mehr als unglücklich geratene Klapptext schon in wenigen Zeilen!

Beeindruckend ist auch die Authentizität mit der das ganze aufgebaut wird. Durch viele Perspektivenwechsel der betroffenen Personen und auch Täter gerät das ganze sehr vielschichtig und die Autorin schafft es hervorragend gewohnte Klischees nicht stupide klischeehaft sondern glaubwürdig und nachvollziehbar wiederzugeben.
Zwar wird ein bisschen übertrieben, wenn der Englische Slang eingedeutscht und pingelig von der Tante angemahnt wird, da dies nicht nur die betroffene Person sondern auch den Leser mitunter ziemlich nerven kann, trotzdem bleibt das Ganze absolut in sich stimmig.

Es ist zwar nicht weiter von Belang weil das Buch allein abgeschlossen ist, doch ist dieser Roman der Nachfolgeroman von „Wo kein Zeuge ist“ welcher allerdings chronologisch danach spielt. Kombiniert macht dies durchaus Sinn, da so eben eine komplett andere Sichtweise, der sich am Ende abspielenden Ereignisse ergeben – doch auch ohne den andern Roman gelesen zu haben empfehle ich, diesen zu erst zu lesen, auch wenn dies dem anderen ebenfalls einiges an Überraschung nehmen mag.


Doch hat das schon bekannte Ende der Spannung doch einiges an Abbruch getan und das ganze phasenweise langatmig gemacht, da man sich stets wundert wie dieser Ausgang überhaupt möglich ist, da dies ziemlich lang für undenkbar erscheint und wann er denn bitte endlich geschieht, weil der Klapptext eben auf einen Krimi mit Auflösung hoffen lässt.

Als Milieustudie aber ein wirklich starker und empfehlenswerter Roman wenn man meinen Ratschlag auch befolgt.