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oder verpass das Schönste.
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Donnerstag, 17. Oktober 2019

Christian Kracht - Faserland


Von Kracht hab ich zufällig erfahren, durch irgendeinen Artikel vom Spiegel, oder der FAZ – irgendetwas was ich online gefunden habe, irgendetwas, für das ich nichts zahlen musste, weil ich für viel zu viele Sachen schon zahle, Zeitschriften und Bücher, die ich dann auch alle behalten muss, die ich nie wegwerfe, selbst wenn sie schlecht waren, auch wenn ich weiß, ich werde sie nie wieder lesen. Auch nicht – sofern ich mal welche haben sollte – meine Kinder, weil man das irgendwie nicht tut, so wie ich die ganzen Bücher meiner Eltern auch nicht lesen werde. Nicht weil es nicht interessiert, wobei – doch vielleicht auch deswegen, aber weil es zu viele sind, weil die Anzahl wie eine Last sein kann, weil sie vielleicht andere Vorlieben und Geschmäcker haben, vielleicht gar nicht gerne lesen oder eben ihren eigenen Weg gehen wollen, mit Büchern ihrer Zeit, ihren Themen.

Auf jeden Fall war da ein Artikel über eine Lesung von ihm, in der er sich plötzlich öffnete, sehr persönlich wurde und von dem am ihm erfolgten Missbrauch schilderte, den er lange verdrängt und nicht bewusst wahrgenommen hatte, an ihm zweifelte, aber immer irgendwo in seinen Texten mitschwang. Etwas doppelbödiges, nicht ausgesprochenes, nicht mal beabsichtigte was – wenn tatsächlich passiert, ich mir schwer traue eine „Liebe“ auszudrücken weil der Kontext nicht passt, aber verlegt ins Fiktive, die wahre Kunst des Grauens, des Horrors ist, weil es nicht offensichtlich, nur gefühlt, aber dennoch unstrittig da in welcher Form auch immer.
Der Artikel war unglaublich spannend geschrieben, wie eine ausgedachte Geschichte und ihr entging, dass Kracht eine sehr interessante Persönlichkeit sein muss, mysteriös, unnahbar, nicht greifbar und ich hatte angebissen, suchte weiter. Mir wurde klar, dass er einer der doch recht großen, aktuellen deutschen Autoren war und irgendwie war es mir fast schon peinlich, bislang nichts von ihm gekannt zu haben. Immerhin maße ich mir an, doch ein wenig Bescheid zu wissen, was Literatur angeht. Klar, sicherlich nicht lückenlos – mir fehlen viele Klassiker und auch vieles von populären Autoren kenne ich nicht, aber es ödet mich größtenteils an, die oft austauschbaren, vorhersehbaren Geschichten, nach dem immer gleichen Schema, die, die sich eben gut verkaufen weil sie gerade en vogue sind, wobei deren Leser nie en vogue sagen würden. Massenmedien, welche sich auch in Supermärkten neben der Fleischtheke türmen, natürlich nur sinnbildlich weil es rein räumlich gar keinen Sinn ergeben würde.
Ich suche immer wieder diese besonderen Sachen, die Visionäre, die Mutigen, die auch grandios daran scheitern können was den Mythos ihrer selbst vielleicht auch gerade erst ausmacht, nicht perfekt marktkonform ausgerichtet zu sein, weil sie ihrer Zeit zu früh, zu spät sind, ihr eigenes Ding eben machen. So einer schien mir Kracht zu sein und daher ärgerte ich mich persönlich, nicht selbst darauf gekommen zu sein, weil er genau das zu sein schien was ich oft suchte, wenn ich ziellos in die Buchläden gehe.

Helfen oder beraten kann mich in der Regel niemand, oft weiß ich ja selbst nicht was ich suche, es muss diesen Funken geben, zwischen mir und dem Buch, der Idee, dem Klapptext. Nicht zwangsläufig wie zwischen Menschen, ich hasse auch gerne Bücher, wenn sie sich ehrlich bemühen mir einen guten Grund zu geben.
Vorab hatte ich noch ein uraltes Video gesehen, als er zu Gast war bei Harald Schmidt, dort wirkte er auch so, wie man ihm oft nachsagte, arrogant, schnöselig, vielleicht auch selbstverliebt. Aber das schreckte mich nicht ab, dahinter kann auch Fassade, eine Schutzhülle stecken und, ausgehend vom Artikel mit dem ich auf ihn aufmerksam wurde, schien mir das auch plausibel. Dennoch, ich wollte mich mit ihm befassen.

Als ich dann in einem besser sortiertem Buchladen, viele führen ihn gar nicht und bestellen wollte ich nicht, das würde diesen magischen Funkenmoment zunichtemachen, dass hätte sowas vorherbestimmtes, erzwungenes, arrangiertes und würde, genau dies schien mir bei diesem Autor falsch, das Aufspüren und finden zunichtemachen, mich verpflichten mich dafür nun wirklich zu interessieren -  schlussendlich seine Bücher fand, war ich fast enttäuscht. Ich hatte ein dickes, gebundenes Buch erwartet für zwanzig Euro aufwärts. Aber es war ein sehr kleines, handliches Taschenbuch, recht dünn und nur halb so teuer.

Mir war klar, dass ich mit dem Debüt anfangen würde. So halte ich es auch in der Regel mit der Musik, ich will meist die Anfänge kennen lernen um die Entwicklung zu erleben und bei Autoren scheint sie mir noch intimer als mit Musik. Mit Musik geh ich wesentlich egozentrischer um, verknüpfe sie mit eigenen Erlebnissen und Emotionen, spiele sie bewusst zu bestimmten Zeitpunkten.
Bei Büchern ist das nicht so, meist liest man etwas auch nicht zweimal, dafür ist es viel zu zeitraubend und man hat nicht diesen Moment, ein Buch nach seiner Stimmung auszuwählen. Eben weil man nicht mal in einer halben Stunde ein ganzes Buch liest.
Vom Anfang bis zum Ende kann diese ja mehrfach einer Änderung unterworfen sein.

Und ich freute mich auf dieses Buch, war es mir zudem auch eine gelungene Zerstreuung im viel zu heißen Münster, dass so oft regenverhangen, nur jetzt nicht, wo es ausnahmsweise sich als nützlich erwiesen hätte, wo ich mit bangem und dumpfen Gefühl meiner Zukunft entgegen oder hinterher sah, je nachdem wie sich die nächsten Tage entwickeln sollten.

Das Buch fing unvermittelt an, eine Art Disclaimer, eine Widmung an die Schwester, vorne wie so oft zwei Zitate welche ich vorher und auch hinterher nur bedingt der Geschichte zuordnen kann, ein Inhaltsverzeichnis mit Zahlen, ausgeschrieben die Kapitelüberschriften, arabisch die Seitenzahl und direkt los, Sylt.
Kracht verzichtet auf Einleitung oder Erklärung, er erzählt direkt los und so stolpert der namenlose Protagonist, geschrieben im Präsens aus der Ich-Perspektive scheinbar willkürlich durch die Geschichte. Es gibt kein direktes Ziel, keine Grundproblematik, beziehungsweise keine, welche von vorne rein fest steht, man kann sich ihrer aus dem Kontext eine ableiten, aber es gibt kein klassisches Problem, keine Aufgabe und ich hatte auch keine Ahnung, was ich erwarten sollte.

Ich wollte frei und möglichst ohne Vorwissen an die Sache rangehen, keinen Hinweis auf welchen Fokus ich meinen Blick legen müsste wenngleich mir dabei vieles entgehen würde. Ich bin nicht zwingend der aufmerksamste Leser, inzwischen mehr als früher, aber ich fühle und atme lieber die Atmosphäre als jedes Wort zu interpretieren und wenngleich es sich wie ein Widerspruch anhören mag, liebe ich es dabei unterhalten zu werden. Ich trauere gelegentlich dem Sog nach, welche Bücher früher für mich hatten, was mich dazu brachte mehrere dicke Schinken in einer Woche zu verschlingen, wenngleich ich nichts heute mehr über ihren Inhalt rezitieren könnte. Ich bin aufmerksamer geworden, aber auch bequemer, lesen macht mich müde, finde viel zu selten Zeit dazu und manchmal vermisse ich das, weil es ein ganz eigener Kosmos ist, in welchen man entführt werden kann, fernab von all den alltäglichen Problemen und Geschehnissen und es wäre heute das Handy oder den PC statt dem Buch, wessen man mich ermahnen müsste, es oder ihn aus den Händen zu legen.

Es gibt Bücher, an denen hänge ich Monate und es frustriert irgendwann, immer wieder alles oder zumindest Kapitel noch mal lesen zu müssen, weil sich Namen und Charaktere nicht einprägen, Handlungen und Motive vergessen worden sind. Aber kurzweilige, dafür intelligente Unterhaltung – am liebsten solche, die nachhallt, mit der es nicht zu Ende ist, sobald die letzte Seite umblättert und der Buchdeckel geschlossen ist, die mag ich. Vielleicht hab ich so etwas von Kracht erwartet, der für die Art seines Erzählens gerühmt wurde.

Und genau das macht er auch tatsächlich, er erzählt ohne scheinbar zu wissen wohin, in welche Richtung. Der Schreibstil ist sehr locker, der Leser wird nicht direkt angesprochen, aber ist sehr nah am Erzähler und indirekt involviert, wenn er zum Beispiel verspricht darauf nochmal zurück zu kommen oder etwas später noch mal auszuführen. Gefühlt könnte es ein typischer Adolesenzroman sein nur scheint der Protagonist schon etwas älter zu sein, Ende 20 – Anfang 30, er geht durchaus noch als Student durch, aber genaueres verrät er nicht.

Vordergründig gibt es keine große Rahmenhandlung, die Erzählung startet in Sylt, er trifft dort Karin mit der er zusammen auch auf Salem im Internat gewesen war, irgendetwas ist zwischen den beiden, sie verabreden sich für morgen und er flieht mehr oder minder kopflos nach Hamburg.
Das ist so gesehen ein sich stetig wiederholendes Motiv, der kopflose Aufbruch, immer wieder in eine andere Großstadt. Überall scheint er wen zu kennen, meist haben sie eine gemeinsame Vergangenheit am Bodensee und leben nun quer verstreut in ganz Deutschland und egal wo, er trifft immer jemanden den er kennt oder jemand vor dem er geflohen ist wieder.

Der Protagonist beobachtet viel, ihm fällt viel auf – vor allem für Markenprodukte hat er ein Auge. Auf dem Buch müsste ein Aufkleber sein – Achtung Productplacement – aber gleichzeitig umschreibt er die oberflächlichen Szenerien. Obwohl einige scheinbar gute Freunde sind, lange hält er es nirgends aus, zum Teil bestiehlt er sie, macht sich aus dem Staub sobald etwas unangenehm wird. Er sieht dass es jemanden schlecht geht und bemerkt, dass niemand sich darum kümmert, tut es selbst aber auch nicht, was fast noch schlimmer ist. Sein einzig treuer Begleiter ist die Zigarette. Er raucht ständig und überall, auch dort, wo er nicht darf, was ihm stets bewusst ist, zum Teil mit Absicht.

Ansonsten beginnt oder endet der Tag in der Regel auf Partys und in Clubs, es ist ein zielloser Rausch, von Stadt zu Stadt inklusive einiger Filmrisse, oder auch nicht. Der Protagonist ist kein wirklich zuverlässiger Erzähler, manches revidiert er, manches übergeht er. Nicht alles was er später verspricht hält er auch ein und erzählt wenig über sich selbst. Was macht er beruflich, was ist sein Ziel, warum hat er so viel Geld, als dass er sich Taxifahrt an Taxifahrt, Flug, Hotel – alles kann er bezahlen. Seine Freunde scheinen auch reich zu sein, zum Teil zumindest, aber reich an was? Nüchtern ist kaum jemand, alle scheinen vor der Realität zu fliehen.

Und so ist es genau genommen die Stimmung die sich einschleicht, die einen manchmal neidisch auf den Protagonisten werden lässt und im nächsten Moment ist man froh, nicht mit ihm die Rollen getauscht zu haben. Glücklich scheint er nur manchmal in Rückblicken zu sein und auch da, nur bedingt. Zum Teil wirken die Kommentare zynisch, verbittert sind sie noch nicht aber es ist oft nur vordergründig lustig. Ich empfand vieles als trostlos und einsam, eine Ansammlung an unendlichen Möglichkeiten aber einem Mangel an Halt und vor allem Haltung. Es wird nicht klar, für was er steht, er kritisiert andere Personen widersprüchlich zu sein, indem ihm vorgeworfen wird „ein Nazi und unpolitisch zu sein“ und fragt sich zu Recht, wie das gehen soll, aber beschimpft selbst Passanten als
„SPD-Nazi“. Manchmal wundert er sich warum er mit seinen Freunden befreundet war, er kann gut zuhören, versteht aber nicht immer ihre Motive und Haltungen, nur manchmal bekommt er einen Hauch Ahnung davon und irgendwie haben sie alle so ihre Marotten und vage Motive, die vielleicht nett gedacht aber nicht zu Ende gebracht sind.

Das Buch hat damit gar nichts zu tun, aber ich musste unweigerlich an „Einmal bitte Alles“ denken – ein deutscher Film dessen Protagonisten im ähnlichen Alter spielen, dort mit konkreteren Zielen aber ähnlichem Scheitern und offenem Zweifeln, vielleicht so eine Mid/End 20er Sache, man müsste mitten im Leben stehen, aber irgendwas fehlt.

Eine Freundin scheint er nicht zu haben, aber viele Bekanntschaften, in fast jeder Stadt knistert es irgendwie, zumindest fast, meist kommt was dazwischen, oft ist es die eigene Flucht. Etwas Homoerotik ist aber auch nicht weit weg und mit dem unfairen Wissen eingangs erwähnter Lesung lässt sich hier die Schlüsselszene lokalisieren, aber sie ist nicht elementar – nicht insofern, als dass es der Handlung einen gänzlich anderen Drive gegeben hätte.

Ich habe hinterher den Fehler gemacht sekundäre Eindrücke des Buches zu lesen, bevor ich das hier schrieb. Ich vermeide so etwas, wohlwissend dass ich vielleicht auch einiges anders wahrgenommen, gedeutet oder gewichtet habe. Ich will meine Meinung, meine Ansicht wiedergeben, nicht das wiederholen was andere darin sahen oder man hätte sehen müssen.
Und ja – es ist viel Symbolik, viel Metaebene darin enthalten, einiges durchaus offensichtlich, manches weniger, der Wikipedia-Artikel ist mehr als nur erschöpfend. Ich bin kein Freund davon alles tot zu interpretieren, aber ich will meine Texte auch so schreiben, dass es noch wert ist das Buch zu lesen, dass nicht alles vorweg genommen wurde, es soll eine Empfehlung, keine Deutung oder Inhaltswiedergabe sein.

Bislang hab ich noch nie so unmittelbar nach Beendigung eines Buches eine Review verfasst und auch nie in der Form, es ist mehr – ich stehe noch unter dem direkten Einfluss des gerade Gelesenen, es ist fast schon eine Hommage an Kracht – wenn man es wohlwollend formuliert, anbiedernd wenn man es mir unterstellen möchte.

Für mich ist es aber auch auf persönlicher Ebene interessant, denn wenngleich es nicht autobiografisch von Kracht ist, war er – als er das Debüt schrieb im gleichen Alter wie ich es jetzt bin. Ich mag seinen Stil, ich schreibe zum Teil ähnlich aber nicht so ausformuliert, so durchdacht, nicht auf dieser Länge – ich will nicht anmaßend klingen, vielleicht eine Seite und dann verlässt es mich – ist die Idee zu Ende oder war nicht ausgedacht.

Ich tue mir schwer mit Autoren die Vorbilder sein könnten weil ich meinen eigenen Stil behalten oder entwickeln möchte und ich habe das Gefühl, dass Kracht nach Mark Z. Danielewski und der Band Nocte Obducta der zweite Autor sein und werden könnte, der mein Verständnis und Selbstanspruch an Texte radikal ändert oder erweitert, daher auch das Debüt und das könnte. Vielleicht hat er sich in eine andere Richtung entwickelt als es mir lieb wäre, vielleicht ist es aber auch gut. Mal sehen.


Das Buch war 2013 in Niedersachsen Pflichtlektüre für das Abitur und wurde zum Teil auch hart dafür kritisiert, es würde nur das Lebensgefühl einer kleinen Gruppe von heute 40- bis 60-Jährigen wiederspiegeln, 2015 wurde es von der Zeitschrift Chrismon zu den sieben Büchern „die in der Deutschstunde nichts mehr verloren haben“ gezählt (Infos stehen so und ausführlicher beim erwähnten Wikipedia-Artikel) und das ist in meinen Augen falsch. Ich denke, es könnte eher eines dieser Bücher sein, welches die Schüler 5-10 Jahre nach dem Abitur freiwillig zur Hand nehmen und vielleicht nochmal lesen. Da passt es und gleichwohl es Mitte der 90er Jahre geschrieben wurde, die Kernproblematik hat sich kaum geändert, zum Teil eher verschärft und ist wesentlich bedeutender und näher am Lebensgefühl heutiger Jugendlicher als es Günter Grass – „Katz und Maus“ oder Ingo Schulze „Adam und Evelyn“ ist. Das musste ich damals lesen, Zweiter Weltkrieg und Mauerfall – naja, bildungs-politisch gewollt vielleicht, aber nie aktiver Teil meines Lebens wenn man ehrlich ist.

Wenig überraschendes Fazit an dieser Stelle – lesenswert, vielen Dank für die Aufmerksamkeit.

Sonntag, 4. August 2013

Daniel Depp – Stadt der Verlierer



Depp? Wer nennt sich denn freiwillig Depp? Oder wird das etwa? Ne? Doch, es ist der ältere Halbbruder des berühmten Johnny Depp, welcher hier sein Insiderwissen vollkommen ungeniert nutzt um radikal mit der Verlogenheit von Hollywood abzurechnen.

Dafür erschafft er mit David Spandau einen Privatdetektiv und Exstuntman den perfekten Protagonisten. Als Hobbycowboy verdreht er sich ab und an noch den Daumen beim Rodeo und liebt die Farm welche von der Mutter seiner Exfreundin Dee betrieben wird. Dort ist er jederzeit willkommen und irgendwie liebt er auch noch seine Ex, es läuft nur nichts wirklich zusammen. Hier wird der tragische Held offensichtlich, welcher alten Zeiten nachtrauert und nicht so ganz in die heutige Zeit passen will, was Haltung, Attitüde und Vorlieben anbelangt. Trotz allem kennt er sich aus, wirft mit wehmutigem Blick die Schatten hinter der Fassade auf.

Dieser bekommt nun einen Auftrag über seine Agentur. Der angesagte Schauspieler und Favorit auf den Oscar – Bobby Dye – soll angeblich Morddrohungen erhalten haben. Spandau legt sich gleich mit dessen Sicherheitspersonal an und glaubt Bobby Dye kein Wort. Wie sich herausstellt liegt er damit auch vollkommen richtig. In Wirklichkeit wird Bobby Dye von Richie Stella erpresst. Seinerseits zwielichtiger Clubbesitzer und Dealer, welcher den Sprung ins Filmgeschäft wagen will und dafür gerne Bobby Dye als Schauspieler hätte. Der fürchtet sich allerdings angesichts des miesen Plots um seine Karriere und war dem folglich abgeneigt. Bis eben eine Mädchenleiche in der Toilette von Bobby Dye gefunden wurde und Stella davon zufällig  Fotos hat.

Wie diese platziert wurde, erfährt man gleich am Anfang, als man Stellas Komplizen Squiers und Potts über die Schulter schauen darf. Squiers ist dabei der klischeehafte Volltrottel mit mehr Muskeln als Hirn, während Potts daran schier verzweifelt. Vor allem Potts wird im Verlauf der Geschichte auch noch wichtiger und erhält eine schöne Nebengeschichte, in der sich sein Schicksal zu wenden scheint und er kurz vor dem Absprung von seiner kriminellen Verliererlaufbahn steht.

Spandau rekrutiert währenddessen noch seinen alten Freund Terry McGuinn, welcher mich persönlich an eine etwas verschärfte Version von Terrence Hill erinnert. Klein, verschlagen und vor allem mit schlagfertigen Argumenten ausgestattet. Zusammen wollen sie herausbekommen was Stella genau will und weiß. Dafür schleichen sie sich an Allison heran, die erfolgreiche Geschäftsführerin von Stellas großem Club. Und irgendwo da gerät alles komplett aus den Fugen und alles geht dramatisch schief…

Und genau in diesem Scheitern, in dem Moment wo alles zum Spielball größerer Mächte wird während nach außen hin ein schöner Schein gewahrt wird, brilliert der Roman der irgendwie doch viel mehr als nur ein Krimi ist und sich viel Zeit für den Charakteraufbau nimmt. Dies ist beiweilen aber auch nötig um den Faden nicht zu verlieren und wurde so elegant gelöst. Das Ende ist ein fieser Schlag in den Magen, metaphorisch gesehen und unterstreicht den Titel des Buches auf eine überraschende, dennoch ernüchternde Art und Weise.

Hervorzuheben ist auf jeden Fall noch die extrem zotige Sprache die absolut kein Blatt vor den Mund nimmt und nur so vor starken Sprüchen strotzt, welche oft sehr unterhaltsam sind. Leider gibt es einige Momente, wo dies überhand nimmt und das Ganze zum unglaubwürdigen Slapstick verkommt. Der obige Querverweis zu Terrence Hill und auch zu Bud Spencer passt was ihre Filme anbelangt.

Ähnliche Sprüche werden hier am laufenden Band gerissen. Spöttisch, schlagfertig und ein paar Briketts böser. Wenn sich so ein Dialog aber über 2 Seiten zieht wirkt er konstruiert und zwanghaft, mehr auswendig gelernt denn auf die Situation angepasst.
Somit ist diese Sprache nicht nur ein Erkennungsmerkmal und ein Stilmittel dieses lockeren und flüssigen Schreibstils, sondern auch Stärke und Schwäche zugleich.

Davon mal abgesehen, was je nach persönlicher Präferenz leichter oder schwerer fällt, ein guter Einstieg in eine neue Reihe wobei ich mich frage, wie darauf aufbauend, diese Idee noch getoppt werden kann. Folglich kein Autor der nur versucht durch seinen Namen zu profitieren und mit brüderlicher Schützenhilfe in den Fokus gehievt zu werden. Denn eigentlich, gehört er dort auch ein klein wenig hin und das schafft er mit diesem Buch ganz allein.

Dienstag, 16. Juli 2013

[SAMMELBAND] Patrick Hutsch (Hrsg.) – Jetzt küss mich endlich!



Folgendes Taschenbuch, welches vom Fischer Verlag heraus gegeben wurde, konnte ich an der Frankfurter Buchmesse kostenlos erhalten. Dem möchte ich gleich auch die einzige Kritik voranstellen, welche zumindest was die Erwartungshaltung betrifft unpassend, wenngleich positiv überraschend ist:

Das Cover, der Titel sowie Klapp- und Seitentext suggerieren – ohne einen Blick auf die schreibenden Autoren zu werfen – ein seichtes, fröhliches Jugendbuch rund um die Liebe. Das kann zum Einem anziehend, allerdings auch abschreckend wirken, auf eine milde belächelnde Art und Weise. Tatsächlich verkauft sich dieses Buch eindeutig unter Wert.

Ganze 17 Kurzgeschichten von Weltklasseautoren sind hier versammelt, von Robert Walser über Herman Hesse und Marie Luise Kaschnitz, Cesare Pavese, Max Frisch bis zu Judith Herman, Clemens Meyer, William Trevor und Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Um vollkommen willkürlich ein paar der versammelten Namen zu nennen.

Es würde wenig Sinn machen, hier inhaltlich auf die Texte einzugehen – verstecken braucht sich aber ausnahmslos keiner. Und das ist auch schon das größte Lob, welches ich dem Herausgeber geben kann. Die Zusammenstellung ist grandios und stark! Es gibt absolut keinen Ausfall. Einzig mit dem Briefwechsel zwischen Bachmann und Celan tat ich mir anfangs schwer, welcher allerdings – wenn man sich auf die Art der Schreibweise einlässt und sie als authentisch und gegeben ansieht, eine surreale Tragik entwickelt die doch zwischen allzu menschlichen Eigenarten ausgelotet ist.

Ich fand so gut wie alle Texte ernst, die lächelnde Leichtigkeit der Beschreibung und des Bildes konnte ich darin nicht finden. Die meisten Geschichten haben in meinen Augen einen melancholischen Unterton, zarte Naivität und Unbefangenheit reiht sich nahtlos zwischen schockierenden, verstörenden und nachdenklichen Sichtweisen.

Dies darf nicht missverstanden werden, Gewalt ist zwar durchaus vorhanden, aber nie überstrapaziert sondern wenn, dann wohl platziert – der Thematik ein weiteres Spektrum entlockend. Nicht romantisch, aber auch nicht unrealistisch was oft mit meinen eigenen Vorstellungen kollidierte.

In der Zusammenstellung der vielen Perspektiven, gewinnt das Buch fast schon etwas philosophisches was die unterschiedliche Definitionen von Liebe angeht. Sehr vieles konnte ich persönlich nicht mit meinem Weltbild vereinbaren, was diesen verstörenden Effekt für mich erklärt. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt viel Zeit um über die Geschichten nachzudenken und zu reflektieren, eine Chance die sich hier sehr gut anbietet und mannigfaltig Möglichkeiten bietet. Ein anderer wird dieses „verstörende“ so vielleicht als normal empfinden oder anders darüber nachdenken. Das tolle ist, diese Option besteht bei allen Texten – es wird nicht per se eine Definition vorgegeben. Man wird teilweise fragmentarisch in eine Szenerie geworfen oder in eben jener verlassen. Trotzdem bleibt etwas haften.


Atmosphärisch war vieles sehr überraschend und trotz der Kürze unglaublich tief. Interessant fand ich für mich die Frage, ob ich zwischen weiblichen und männlichen Autoren einen unterschiedlichen Tenor heraus lesen kann. Ich konnte dies nicht, es gibt hier keine geschlechtlich vordeterminierte Sichtweise. Glücklicherweise? Enttäuschenderweise? Auch wenn ich nichts anderes erwartet hatte, war ich dennoch irgendwie überrascht.

Was mir ebenfalls sehr gefiel war, dass die Texte unbearbeitet waren, sprich nicht zwingend der heutigen Zeit angepasst was Grammatik, Rechtschreibung und Schreibstil anbelangt. Es gab schwerere Texte mit eigener Schreibtechnik, welche allerdings ihre Wirkung gekonnt entfalten konnten und erfrischend anders waren.

Anfangs hatte mich das Buch enttäuscht, weil ich eben von einer leichten Lektüre ausging und dies ist sie definitiv nicht, wenn man vorliegende Geschichten als Ausgangspunkt für weitreichende Betrachtungen des Themas ansieht.
Im Nachhinein bin ich aber sehr froh darüber. Ich muss und konnte nicht alles verstehen und/oder nachvollziehen, aber es war weit mehr als nur Unterhaltung. Für mich ein starkes Sammelsurium wehmütiger, melancholischer, nostalgischer und wunderbaren Literatur.

Wenn ihr dieses Buch seht, achtet nicht zu sehr auf das Cover oder tut es gerade eben doch. Nehmt es einfach in die Hand, schlagt es auf und taucht ein. Vielleicht Geschmackssache, für mich aber ein irre inspirierendes, substanzbehaftetes Buch. Sehr gelungen!

Sonntag, 16. Dezember 2012

[Sachbuch] Joachim Gauck – Freiheit: Ein Plädoyer



Dass die Freiheit wertvoll und somit auch teuer ist, dem stimme ich durchaus zu. So auch dieses Buch. Dass sie allerdings so kurz gefasst und dünn ist, wie dieses Buch – hat mich doch ein wenig überrascht. Für 10€ gibt es nicht mal 70 Seiten von Deutschlands Nummer 1.

Nicht gerade der beste Einstieg für ein Plädoyer, wenn sich gleich optisch solch ein Ungleichgewicht ergibt.

Aber wollen wir ja nicht kleinlich sein. Wichtig ist bei solch einem elementaren Thema natürlich der Inhalt. Und hier holt Gauck weit aus: von Kant, Schiller und Luther über den Dreißigjährigen Krieg, hin zum Dritten Reich und natürlich bis zur DDR.

Träger des Plädoyers sind die drei magischen Worte Freiheit, Verantwortung und Toleranz. Warum in dem Ganzen noch Gott auftauchen muss, ist zwar ob seiner Biographie nicht überraschend – in meinen Augen aber unpassend. Immerhin verbinde ich geschichtlich betrachtet nicht unbedingt das Wort Freiheit mit der Geschichte des Klerus, noch halte ich dies für eine Grundvoraussetzung um eben diese gesellschaftlich zu erreichen.

Sprachlich führt Gauck souverän durch das Buch, dem man größtenteils zustimmen kann oder rational betrachtet sogar muss. Es fehlt mir nur ein wichtiger Bestandteil. Das Plädoyer!

Klar spricht er sich deutlich für obig angesprochene Werte aus, grenzt diese kurzfristig voneinander ab und unterstreicht seine Meinung und Aussage mit historischen Belegen, aber es regt mich persönlich zum Beispiel nicht wirklich an. Es fehlt das Flammende, das Begeisternde oder auch Zwingende.

Es bleibt lediglich ein vorbildliches „Kann“ und „Sollen“ mit dem Querverweis auf das, was schief ging. Um denkende Massen auf die Straße zu bekommen, reicht es bei Weitem nicht. Dafür schreckt erst der hohe Preis ab und zündet dann die Aussage viel zu wenig. Somit leider nur ein verstecktes Strohfeuer. Thematisch gesehen hätte es viel mehr sein müssen!